Dienstag, 7. Juni 2011

Das Bordell im Hotel


Nachts in Shanghai
Es war ein heißer Frühlingstag in Shanghai. Die Wolkenkratzer waren halb im Smog verborgen und allerorts waren Bauarbeiter beschäftigt die Stadt für Weltausstellung herzurichten. Nach einem ganzen Tag in der Stadt war unsere Reisegruppe schon recht erschöpft. Einige wenige konnten sich dazu aufraffen, nochmal ins Stadtzentrum zu fahren und das Nachtleben zu entdecken. Dazu zählte ich allerdings nicht. Zusammen mit meiner Freundin und einem anderen Pärchen aus unserer Gruppe suchten wir also nach einer Möglichkeit den Abend ruhig ausklingen zu lassen.

Der Charme unseres Hotelrestaurants war stark begrenzt und lud nicht gerade zum langen Verweilen ein. Im zweiten Obergeschoss unseres Hotels befand sich ein Eingang mit der Aufschrift „The gentleman’s club“ direkt neben dem Frühstücksraum. Das ganze klang für mich wie ein englischer Herrenclub in dem man seinen Whisky gemütlich konsumieren kann. Also der ideale Ort um den Abend abzuschließen. Hoch motiviert betraten wir also den Club.

Hinter der Bar stand ein Barkeeper und öffnete Bier für seinen einzigen Gast an der Theke. Etwas verwundert, aber sehr freundlich begrüßte er uns. Auf ein paar Tischen saßen asiatische Damen und Herren und erprobten ihre Gesangskünste beim chinesischen Karaoke. Ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass sich nicht mehr als ein Drink in dieser Bar aushalten würde ohne Ohrstöpsel.

Auf einer sehr langen Sitzbank machten wir es uns gemütlich und bestellten 4 Cocktails. Ein paar asiatische Mädchen, allesamt leicht bekleidet, gingen schweigend an uns vorbei und verschwanden in den Hinterzimmern des Lokals. Die meisten von Ihnen schauten uns etwas verwundert an. Wir dachten uns nicht dabei und schlussfolgerten, dass die Bar wohl bislang nicht viele westliche Gäste gesehen hatte. Als dann plötzlich ein älterer asiatischer Herr mit einer schätzungsweise 40 Jahre jüngeren Dame, die gekleidet war wie ein Weihnachtsbaum,  in einem der Zimmer verschwand und 10 Minuten später schweißgebadet mit der jungen Dame wieder rauskam ging uns ein Licht auf. Wir saßen mitten im hoteleigenen Bordell.
Unser Abend endete letztendlich damit, dass wir doch jeweils zwei Cocktails tranken und die erschöpften Herren böse anlächelten, wenn Sie nach kurzer Zeit die Zimmerchen verließen. Ausdauer schien an diesem Abend keine chinesische Tugend zu sein.

Auch wenn China von außen den meisten etwas prüde erscheint, so ist es unter der Kruste doch nicht ganz so brav. Ein paar Tage später wurden unseren Junggesellen in der Gruppe sogar telefonisch „Massagedienste“ in einem Pilgerhotel auf einer heiligen Insel angeboten.

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